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Stark für andere

von Sebastian Hein

Stark für andere
Wolfgang Gebhardt erlebt Einschränkungen wegen seiner Behinderung. Aber gerade deswegen hilft er anderen.
Von Gabriele Naß

Wolfgang Gebhardt aus Burkau war 37 Jahre alt, als er einen Unfall erlitt. Das war 1983. Seitdem ist er auf den Rollstuhl angewiesen und in vielen Dingen auch auf seine Frau Renate. Zusammen sind beide ein so starkes Team, dass die Kraft schon seit Jahrzehnten reicht, auch anderen Behinderten zur Seite zu stehen.

Wolfgang Gebhardt hat schon in der DDR damit angefangen, Menschen mit dem gleichen Schicksal davon zu überzeugen, dass es sich mit Handicap besser leben lässt, wenn man Gleichgesinnte regelmäßig um sich haben, wenn man sich über Probleme austauschen, gemeinsam Veranstaltungen besuchen oder reisen kann. Gleich nach der Wende gehörte Wolfgang Gebhardt dann zu den Gründern des Behindertenverbandes Selbsthilfe und wurde dessen Vorsitzender. Er hat damit geliebäugelt, den Vorsitz an jemanden Jüngeres zu übergeben. Aber dieser jemand hat sich noch nicht gefunden, weswegen Wolfgang Gebhardt in diesem Jahr wieder am Ball blieb, wie gewohnt. Er weiß seine Frau bei der Entscheidung hinter sich.

Als die Zusammenarbeit der Menschen mit Behinderung begann, gab es noch ganz wenige Pflegehilfsmittel. Den Wannenlift hat Wolfgang Gebhardt nach seinem Unfall zusammen mit erfinderischen Freunden aus einem Wagenheber selbst gebaut. So etwas und viele andere Hilfsmittel können heute gekauft werden, je nach Geldbeutel. Deswegen sind die Probleme Behinderter nicht kleiner geworden. Ein junger Mann trifft sich mit Gebhardt im Evabrunnen am Altmarkt, weil er Hilfe braucht. Seine Freundin ist durch eine Krankheit schon jung auf den Rollstuhl angewiesen. „Klar gibt es das Internet. Das nutzen wir auch. Es ist aber ganz etwas anderes, wenn man mal jemandem gegenübersitzt, der Erfahrung hat und Tipps geben kann, viel authentischer“, sagt der junge Mann. Wolfgang Gebhardt fühlt in diesem Moment ganz besonders, wie er gebraucht wird.

Kampf gegen die unüberwindbaren Hindernisse

Schon viele Jahre spannt sich der Burkauer vor den Karren, auch wenn es darum geht, gegenüber den örtlichen, Kreis- und Landespolitikern deutlich zu machen, was sich Behinderte vom Leben erhoffen und wie viele Dinge ihnen dafür fehlen. Nach wie vor ist vielerorts der Zugang zu öffentlichen Toiletten nicht selbstverständlich, Baurecht oft schwierig zu handhaben, wenn es um behindertengerechte Zugänge geht. Krankenhäuser, Arztpraxen oder Pflegestellen seien für die Betreuung von Behinderten nicht immer entsprechend ausgestattet bzw. mit Personal versorgt, Hotelzugänge teils unüberwindbar. Der Bahnhof, sagt Wolfgang Gebhardt, sei sein größtes Problem. Ohne Lift. Aber selbst mit Lift ist das Einsteigen für manchen unmöglich. Für Gebhardt selbst zum Beispiel. „Zugfahren geht nicht mit einem 132 Kilogramm schweren Rollstuhl“, sagt er. Seit dem Unfall fährt Frau Gebhardt ihren Mann fast überall hin. Seit sie nicht mehr arbeitet, ist das leichter zu organisieren.

Wolfgang Gebhardt lobt Bischofswerdas Ex-OB Andreas Erler. Er habe immer ein Ohr für den Verband gehabt und sei dafür vor wenigen Wochen anlässlich des Gründungsjubiläums auch ausgezeichnet worden. Alle Probleme vor Ort hat das nicht lösen können. Aber immerhin ist am modernisierten Bahnhof Bischofswerda der Zugang zur öffentlichen Toilette für Behinderte selbstverständlich, wenn sie sich den sogenannten Euro-Schlüssel besorgt haben. Bei solchen praktischen Dingen, sagt Gebhardt, kann der Verband helfen. Er kann auch helfen beim Beantragen des Schwerbehindertenausweises oder von Pflegeleistungen. Der junge Mann, der mit am Tisch sitzt und an seine Lebensgefährtin denkt, weiß, dass das so einfach nicht ist und man schnell Geld verschenkt, das einem zusteht, wenn man keine oder nur wenig Erfahrung hat.

Vereinsbüro wäre wichtig

Der Behindertenverband in Bischofswerda hatte mal 80 Mitglieder. Derzeit sind es 25. Die Hoffnung der Gehardts ist, dass es wieder mehr werden mögen, auch wegen der Feste, die organisiert werden, die allen guttun. „Manche igeln sich Zuhause ein“, sagt Renate Gebhardt. Die Geschäfte des Vereins führt Wolfgang Gebhardt mit Hilfe seiner Frau inzwischen von zu Hause aus. Früher hatte der Verband ein kleines Büro im Bürohaus an der Bischofstraße in Bischofswerda und zeitweise eine über den zweiten Arbeitsmarkt geförderte Bürohilfe. Beides lässt sich derzeit nicht finanzieren. Aber es wäre schon gut für die Anliegen der Behinderten, wenn sie wieder ein Büro regelmäßig besetzen könnten, vielleicht auch mit einem ehrenamtlichen Rentner, finden beide.

Wenn Hilfe nicht angeboten wird „steht man als Behinderter erst mal alleine da“, sagt Renate Gebhardt. Sie und ihr Mann schwärmen in diesem Zusammenhang von der Hilfe, die ihnen und dem Verein am Anfang zuteilwurde durch ein Ehepaar aus dem Westen. Sie sind heute Gebhardts Freunde und die von einigen anderen Menschen in Bischofswerda und der Umgebung. Die erste Begegnung mit Ilse und Heribert Gabriel aus Eggenfelden gab es 1991. „Als ich hörte, dass zwei Wessis mit mir sprechen wollten, war ich zunächst skeptisch, da ich aus eigenem Erleben erfahren musste, wie zweifelhafte westdeutsche Geschäftemacher Ostdeutschland als gewinnbringenden Markt erschließen wollten“, schrieb Wolfgang Gebhardt vor einigen Wochen in einem Brief an die SZ. Aber diese beiden Menschen haben sich als Glücksfall für die Behindertenarbeit in Bischofswerda erwiesen. Es gab kein Abzocke. Es gab ganz viel Hilfe. – Wolfgang Gebhardt gehört für die SZ zu den „Menschen 2015“, weil er jenen hilft, die Hilfe besonders brauchen, weil sie keine Lobby haben.

Wolle.Gebhardt@t-online.de

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